Dr. Walter Waizer: Zeit für die ganze Wahrheit

Dr. Walter Waizer gehört zweifellos zu den prägenden Persönlichkeiten der jüngeren Schwazer Stadtgeschichte. Als langjähriger Geschäftsführer von Tyrolit hat er wesentlich zum wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens und damit auch zur Entwicklung des Wirtschaftsstandortes Schwaz beigetragen. Mit der von ihm testamentarisch errichteten Dr.-Walter-Waizer-Stiftung hinterließ er der Stadt ein außergewöhnliches Vermächtnis. Bis heute profitieren ältere, bedürftige und behinderte Schwazerinnen und Schwazer von den Erträgen dieser Stiftung. Das Haus der Generationen, die Dr.-Walter-Waizer-Straße, die Waizer-Stube sowie die alljährliche Gedenkfeier beim Waizermarterl erinnern an sein Wirken und seinen Einsatz für die Stadt.

Dieses Lebenswerk ist unbestritten ein bedeutender Teil der Geschichte von Schwaz.

Ebenso unbestreitbar ist jedoch, dass Walter Waizer auch eine andere, lange wenig beachtete Biografie besitzt. Historische Forschungen, insbesondere jene des Tiroler Historikers Horst Schreiber, zeigen, dass Waizer bereits in jungen Jahren überzeugter Nationalsozialist war. Er trat schon 1933 der damals verbotenen NSDAP bei, übernahm führende Funktionen innerhalb der NSDAP und der SA und war nach dem „Anschluss“ Österreichs Bezirkshauptmann von Innsbruck-Land. Später leitete er die Messerschmitt-Werke in Kematen, einen bedeutenden Rüstungsbetrieb, in dem tausende Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. Historische Quellen dokumentieren, dass insbesondere osteuropäische Zwangsarbeiter unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten mussten. https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Waizer

Diese Erkenntnisse sind seit mehreren Jahren öffentlich zugänglich. Sie finden sich in wissenschaftlichen Publikationen ebenso wie mittlerweile im Wikipedia-Eintrag zu Walter Waizer. Dennoch hat bislang keine umfassende öffentliche Auseinandersetzung mit diesem Teil seiner Biografie stattgefunden.

Gerade deshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt, dieses Kapitel der Schwazer Zeitgeschichte aufzuarbeiten.

Es geht dabei ausdrücklich nicht darum, Walter Waizers Verdienste nach dem Krieg oder die segensreiche Wirkung seiner Stiftung in Frage zu stellen. Ebenso wenig geht es um eine nachträgliche Verurteilung aus heutiger Sicht. Es geht vielmehr um einen verantwortungsvollen und ehrlichen Umgang mit der Geschichte.

Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sind selten eindimensional. Sie können Großes geleistet und gleichzeitig schwer belastende Kapitel in ihrer Vergangenheit gehabt haben. Eine demokratische Erinnerungskultur zeichnet sich dadurch aus, dass sie beide Seiten kennt und benennt.

Deshalb hat WIR! für Schwaz (im persönlichen Gespräch mit der Kulturreferentin und im Stadtrat) angeregt, die Persönlichkeit Walter Waizers wissenschaftlich und unabhängig aufzuarbeiten. Eine externe Historikerkommission oder ein entsprechendes Forschungsprojekt könnte die vorhandenen Quellen umfassend auswerten und die Ergebnisse transparent der Öffentlichkeit präsentieren.

Eine solche Aufarbeitung wäre kein Angriff auf Walter Waizer und auch kein Angriff auf seine Stiftung. Im Gegenteil: Sie wäre ein Zeichen historischer Verantwortung und politischer Reife. Schwaz würde damit zeigen, dass eine moderne Stadt keine Angst vor ihrer eigenen Geschichte hat – auch dann nicht, wenn diese widersprüchlich ist.

Gerade weil Walter Waizer für Schwaz so bedeutend war, verdient seine Biografie eine vollständige Betrachtung. Nicht nur die erfolgreichen Jahrzehnte nach 1945, sondern auch seine Rolle während der NS-Zeit gehören zur historischen Wahrheit.

Gerade eine Stadt, die sich zu Demokratie, Menschenrechten und einer aktiven Erinnerungskultur bekennt, sollte den Mut haben, auch die unbequemen Seiten ihrer Geschichte offen anzusprechen.

Linktipp: Horst Schreiber
Foto: https://qr.schwaz.at/strassen/dr-walter-waizer-strasse/ (Stadtarchiv Schwaz)